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Eine Ode an die Tränen

Aktualisiert: 8. Jan.

Über die reinigende Kraft des Weinens


Mein Körper kennt den Weg zur Reinigung besser als ich. Früher habe ich ihn dafür kritisiert. Heute höre ich ihm zu.

Tränen sind unsere erste Sprache, noch bevor wir Worte kennen. Sie begleiten uns von Beginn unseres Lebens an – doch mit der Zeit lernen wir, ihnen weniger Raum zu lassen. Weinen ist uns angeboren. Nicht-Weinen wird uns beigebracht.

 

Tränen, weinendes Auge
Foto: Andre Röhner (2016)

Weinen gilt oft als Schwäche oder Kontrollverlust, als etwas, das man lieber für sich behält. Dabei ist es biologisch tief verankert und hat eine starke soziale Wirkung. Tränen können Nähe schaffen oder Unbehagen auslösen. Sie wirken nicht nur in uns, sondern auch zwischen uns.


Wer mich kennt, weiß, dass ich sprichwörtlich „sehr nah am Wasser gebaut“ bin. Meine Tränen flossen und fließen schnell – bei Freude, bei Wut, bei Erleichterung, vor Glück, aus Mitgefühl oder Überforderung. Meine Emotionen suchen sich schnell ihren Weg nach draußen. Das war nicht immer so und auch nicht immer willkommen. In einer Gesellschaft, in der Funktionieren und Selbstkontrolle hochgeschätzt werden, sind sichtbare Tränen oft irritierend. Manche Menschen fühlten sich davon regelrecht gestört. Ich erinnere mich an eine Freundin, die bei den ersten Anzeichen meiner Tränen genervt aufstand und sagte: „Oh nee, nicht schon wieder heulen.“


Ich habe mich geschämt, versucht sie zu kontrollieren oder meine Tränen zu unterdrücken, zog mich zurück, trocknete sie heimlich auf der Toilette. Erst mit der Zeit wurde mein Verhältnis zu ihnen milder.


Mädchen, die im Meer der Tränen ist

Inzwischen bin ich eine große Freundin der Tränen geworden. Für mich gehören sie zum Leben dazu – im geschützten Raum genauso wie mitten im Alltag. Ich wünsche mir mehr Mut, öffentlich zu weinen, ohne sich dafür zu rechtfertigen oder zu entschuldigen. Für Frauen und für Männer. Ja, besonders für Männer. Denn Tränen sind kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verbindung – mit sich selbst und mit anderen. Ich heiße Tränen willkommen, meine eigenen ebenso wie die meiner Klientinnen und Klienten. Emotionen brauchen Raum, sie sollten nicht unterdrückt werden. Ich sage gern: „Draußen ist mehr Platz als drinnen.“


Für mich sind Tränen ein wichtiges Barometer geworden. Ich habe gelernt ihnen zuzuhören und auch zu folgen. Tage bevor ich krank werde, bin ich besonders dünnhäutig. Überforderung, mentale und hormonelle Umstellungen lassen meinen „Tränenspiegel“, wie ich ihn nenne, deutlich ansteigen. Das ist für mich ein Signal, weniger zu tun und mehr nach innen zu schauen.


Negative, nicht verarbeitete Gefühle können den Körper oft stärker belasten als äußere Schadstoffe aus Genussmitteln, Nahrung oder Umwelt.

Und auch im Positiven folge ich ihren Signalen. Wenn mich etwas ehrlich berührt, bemerke ich es in den Augen und folge diesem Impuls für Entscheidungen.


Emotional Instabil, lachende soziale Maske, Trauer

Auch wissenschaftlich lässt sich die entlastende Wirkung von Weinen erklären. Emotionale Tränen unterscheiden sich chemisch von anderen Tränen, etwa von Basal- oder Reflextränen. Sie enthalten messbar mehr stressassoziierte Botenstoffe sowie Endorphine, das sind körpereigene Schmerzmittel. Beim emotionalen Weinen werden diese Stoffe ausgeschieden, während sich gleichzeitig das Nervensystem beruhigt.


Bis etwa zum 13. Lebensjahr weinen Mädchen und Jungen ungefähr gleich häufig. Erst danach beginnt sich das Verhalten zu unterscheiden. Frauen weinen im Durchschnitt etwa 30- bis 60-mal im Jahr, Männer nur 6 bis 20 Mal. Das liegt nicht nur an biologischen Unterschieden – auch wenn Frauen etwas größere Tränenkanäle haben –, sondern vor allem an kulturellen Erwartungen.


Weibliche Tränen werden eher akzeptiert, männliche oft sanktioniert. So lernen viele Menschen früh, ihre Verletzlichkeit zu verstecken.


Vielleicht liegt genau hier ein Schlüssel. Tränen schaffen Räume der Verletzlichkeit – wenn wir sie zulassen. Sie fördern Mitgefühl, nicht nur für andere, sondern auch für uns selbst. Wer die eigenen Tränen akzeptieren kann, entwickelt oft eine größere Toleranz für die Gefühle anderer. Weinen wird dann nicht mehr zum Problem, sondern zu einer Ressource.


"Tränen reinigen das Herz" (Fjodor Michailowitsch Dostojewski)

 

spirituelle Reinigung, r

Für mich sind Tränen heute vor allem eines: ein Reinigungsprozess. Ich erinnere mich an eine dreitägige spirituelle Zeremonie, in der viele Teilnehmende körperlich reagierten und sich übergaben. Ich hingegen weinte drei Tage lang. Seit Anfang meiner 30er Jahre kenne ich dieses große innere Meer, das ich lange mein „Meer der Trauer“ nannte. Nach diesem Wochenende war der Pegel spürbar gesunken. Heute ist dieses frühere Meer eher ein ausgetrockneter Salzsee – vergleichbar mit dem Badwater Basin im Death Valley.


Diese Ode an die Tränen ist eine Einladung: ihnen zuzuhören, statt sie zu bekämpfen. Sie sind als Ausdruck von Lebendigkeit zu bewerten. Denn Tränen erinnern uns daran, dass wir fühlende Wesen sind – und dass genau darin eine stille, heilsame Kraft liegt.

 



Boriana Jürgens-Rosenmüller

06.01.2026

 
 
 

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