Das vergessene Wissen der Gebärmutter - über Körper, Macht, Sexualität und Heilung
- Boriana Jürgens-Rosenmüller

- 26. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 28. Jan.
HYSTEREKTOMIE - die operative Entfernung der Gebärmutter - ist nach wie vor eine der häufigsten gynäkologischen Eingriffe der westlichen Medizin. Die Gebärmutter gilt als entbehrlich – weibliche Sexualität und ein Teil des Frauseins offenbar auch!
Wenn Frauen wüssten, welche Rolle die Gebärmutter über Schwangerschaft und Fortpflanzung hinaus für ihren Körper spielt, würden viele einer Hysterektomie – der operativen Entfernung dieses Organs – vermutlich nur dann zustimmen, wenn es wirklich keine andere Möglichkeit gibt.

Dennoch gehört die Gebärmutter-entfernung bis heute zu den häufigsten gynäkologischen Eingriffen. In den USA werden jährlich schätzungsweise rund 600.000 Hysterektomien durchgeführt, in Deutschland waren es im Jahr 2022 etwa 85.000. Verlässliche, vergleichbare Statistiken sind schwer zu finden – was bereits für sich spricht.
In Deutschland lebt etwa jede sechste Frau ohne Gebärmutter. Die meisten Eingriffe betreffen Frauen zwischen 40 und 49 Jahren – also in einer Lebensphase, in der viele mitten im Leben stehen: körperlich, kreativ, sexuell, beruflich. Über 90 Prozent der Hysterektomien erfolgen nicht aufgrund von Krebs, sondern wegen gutartiger Diagnosen wie Myomen oder Blutungsstörungen. Und doch wird oft nicht das Leiden behandelt, sondern gleich das Organ entfernt – statt nach ursächlichen, organerhaltenden oder ganzheitlichen Alternativen zu suchen.
Paradoxerweise werden die medizinisch-technischen Verfahren zur Entfernung der Gebärmutter zugleich immer einfacher, schneller und routinierter. Diese Schieflage wirft grundlegende Fragen auf: nach medizinischen Routinen, nach Zeitdruck und ökonomischen Zwängen im Gesundheitssystem – aber auch nach unserem kulturellen Verhältnis zur Gebärmutter. Warum gilt ein Organ, für dessen Erhalt es Alternativen gibt, so rasch als entbehrlich?
Die anhaltende Unterschätzung der Gebärmutter trägt dazu bei, dass Hysterektomien häufig als routinemäßige Lösung gelten. Noch immer wird die Gebärmutter vor allem als reproduktives Werkzeug betrachtet, das nach abgeschlossener Familienplanung an Bedeutung verliert. Diese Sichtweise ist nicht nur medizinisch geprägt, sondern historisch gewachsen – durch patriarchale und rassistische Strukturen, die den weiblichen Körper lange als funktional oder ersetzbar verstanden haben.

Vielleicht liegt ein Teil der Antwort darin, dass dieses Organ über Jahrhunderte kulturell entwertet wurde. Die Gebärmutter war einst ein heiliger Raum, verbunden mit Rhythmus, Wandel, Intuition und schöpferischer Kraft. Mit der Etablierung patriarchaler Ordnungen wurde diese zyklische, nicht kontrollierbare Macht jedoch als gefährlich wahrgenommen. Was heilig war, wurde beschämt, was wild war, pathologisiert. Aus einer Quelle des Wissens wurde ein „Problemorgan“.
In vielen indigenen Kulturen, etwa bei den Lakota, gilt die Menstruation bis heute als Zeit der Kraft. Während der Mondzeit sind Frauen von Pflichten entbunden, die Blutung wird als Erneuerung verstanden. Demgegenüber gilt in westlichen Gesellschaften Zyklusunterdrückung oft als Fortschritt, weibliche Körperprozesse als störend. Schon früh übergeben wir die endokrine Regulation unseres Körpers künstlichen Hormonen. Hormonelle Verhütung wird meist als praktisch und sicher kommuniziert, jedoch selten als tiefgreifender Eingriff in die Regulationsprozesse des Körpers verstanden. Verhütung gilt dabei noch immer überwiegend als Frauensache.
Dass diese Entwertung strukturell ist, zeigt auch ein Blick in die Geschichte. In der Kolonialmedizin galten schwarze Frauenkörper als „Versuchsmaterial“. Versklavte Frauen wurden ohne Betäubung operiert, getragen von der rassistischen Annahme, sie seien weniger schmerzempfindlich. Diese Gewalt war kein Randphänomen, sondern ein Fundament moderner Gynäkologie. Auch die Eugenik des 20. Jahrhunderts folgte dieser Logik. Im Nationalsozialismus wurden auf Grundlage des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ rund 400.000 Menschen zwangssterilisiert; in den Konzentrationslagern kamen medizinische Experimente und massive Eingriffe an weiblichen Reproduktionsorganen hinzu. Frauenkörper galten als regulierbar, kontrollierbar, verzichtbar.

Ich selbst habe Myome – wie viele Frauen in meiner Familie. Letztes Jahr geriet mein Körper stark aus dem Gleichgewicht. Über einen langen Zeitraum hinweg bestimmten starke Blutungen meinen Alltag und brachten mich körperlich an meine Grenzen. Mehrere Gynäkolog*innen rieten mir zu einer Hysterektomie.
„Du brauchst sie doch nicht mehr“, sagten einige Freundinnen – auch meine Mutter, die sich in meinem Alter ebenfalls die Gebärmutter entfernen ließ. Doch etwas in mir wehrte sich so sehr. Nicht jede Frau empfindet so, das weiß ich. Aber für mich fühlte sich der Gedanke wie Amputation meiner inneren Kraft und meiner Intuition an.
Ich vereinbarte dennoch einen OP-Termin in einer privaten Klinik, die sich auf die Entfernung von Gebärmüttern spezialisiert hatte. Laparoskopisch, also minimal-invasiv: drei kleine Schnitte, und das Organ wird unter der Bauchdecke geschreddert (wie ein Apfel) und dann durch die kleinen Öffnungen herausgeholt. Der Chefarzt rühmte sich damit, über 9.000 Gebärmütter entfernt zu haben.
Einige Wochen vor der geplanten OP traf ich zufällig eine Freundin, die diesen Eingriff ein Jahr zuvor hatte durchführen lassen, und sie verriet mir, dass sie seit der Hysterektomie keinen Orgasmus mehr bekam. Alle Warnsignale in mir schlugen Alarm, und am nächsten Tag sagte ich den OP-Termin ab.
Zu den möglichen Auswirkungen einer Hysterektomie auf Sexualität fand ich kaum verlässliche Informationen. Gespräche mit Ärzt*innen endeten meist mit dem Hinweis, ein Orgasmus- oder Libidoverlust sei keine übliche Nebenwirkung und eher „kopfsache“.

Dass ein zentraler Teil des Beckenraums entfernt wird, ohne mögliche Folgen für Lust und Empfinden ernsthaft zu thematisieren, hat mich doch sehr verwundert. Erstaunlicherweise (oder vielleicht auch nicht) konnte ich zu dem Thema: „Welche Auswirkungen hat eine Hysterektomie auf die Sexualität?“ kaum bis gar nichts im Internet finden. Ich habe mehrere Ärzte*innen und auch meine Gynäkologin darauf angesprochen. Die Reaktionen waren unisono: Kopfschütteln und die Aussage, dass ein Orgasmus- oder Libidoverlust keine üblichen Nebenwirkungen seien. Es sei wohl eher eine Kopfsache. Heißt das also, dass beim Orgasmus der Kopf statt der Gebärmutter kontrahiert? Rein anatomisch gesehen kontrahiert der gesamte Beckenboden – samt After – beim Orgasmus. Ich begann zu recherchieren und fand erschreckend wenig fundierte Informationen, dafür viel Nonsens und wenig Forschung.
Das wirft bei mir die Frage auf: Ginge es um den männlichen Orgasmus, würde man da immer noch so ratlos darauf schauen? Vermutlich nicht.
Ich entschied mich schließlich dafür meine Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Ich begann, meinem Körper zuzuhören, die tieferliegenden Botschaften zu verstehen. Neben schulmedizinischer Begleitung suchte ich auch alternative Ansätze. Traditionelles Heilwissen, ganzheitliche Ansätze, Osteopathie, Meditation, Hypnose, schamanische Rituale, Rückzug, Kräuterkunde. Eine intensive spirituelle innere Reise konfrontierte mich mit Schuld, Verlust und ungelebter Trauer. Mein Organ begann sich zu beruhigen. Ich blute noch – aber weit weniger. Und vieles hat sich verändert, in meinem Körper und in meinem Verständnis. Körperliche Beschwerden entstehen selten isoliert, sondern im Zusammenspiel von Körper, Psyche und emotionalen Erfahrung.

Wie die Hebamme und Autorin Leah Hazard beschreibt, wird die Gebärmutter oft schon während der Geburt aus ihrem natürlichen Rhythmus gebracht. Prozesse werden beschleunigt, eingeleitet, kontrolliert. Künstliche Hormone ersetzen Geduld und körperliche Intelligenz. Gleichzeitig wächst ein Markt rund um sogenannte „V-Wellness“: teure Produkte und Anwendungen, die Heilung versprechen, oft ohne fundierte Grundlage. Gebärmutter-gesundheit darf kein Luxusgut sein.
Ich wünsche mir ein Gesundheitssystem, das echte Wahlfreiheit ermöglicht. Eines, in der Schulmedizin und ganzheitliche Ansätze nicht konkurrieren, sondern sich ergänzen. Im Taoismus etwa gilt Krankheit nicht als Feind, sondern als Signal. Dieser Blick ersetzt keine moderne Medizin – aber er erweitert sie. Meine Gebärmutter ist für mich #unentbehrlich.
Boriana Jürgens-Rosenmüller
26.1.2026
Falls Du mehr erfahren möchtest, sende mir gern eine Email an bo@boconnect.de
Bücher, die mir geholfen haben:










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